Die Kunst der unfertigen Bilder


Zunächst ist ja die Frage, was überhaupt ein Bild ist, bevor wir nach Eigenschaften und Attributen diesen Bildes fragen können.

Ein Bild ist eine Verdichtung einer optischen Erscheinung, eines visuellen Ereignisses. Im besten Falle in seiner Aussage kondensiert auf das Wesentliche. Eben ein Ideal. Nun bedeutet “Idealisieren” nicht, etwas besonders vorteilhaft darzustellen, sondern es in seiner Ästhetik besonders deutlich zu zeigen.

In der Fotografie ist das nicht ganz so einfach wie in der Malerei oder Zeichnung, denn man ist anders als bei letzteren gebunden an eine real existierende Vorlage. Außerdem ist Fotografie sehr technisch, in großer Distanz vom Bildschaffenden und kein bisschen charmant. Das Werkzeug der Fotografie selber bringt also nichts mit, keine Nahbarkeit, keine Einladung an den Betrachter. Nicht wie die feine, spannungsgeladene Linie eines Bleistiftes oder der rabiate, Fakten schaffende Strich eines Borstenpinsels. In der Fotografie liegt dieses Wesen hauptsächlich hinter der technischen [Papier-]oberfläche.

“All photographs are accurate, none of them is the truth.” [R. Avedon]

Andererseits ist die Fotografie wie keine andere Darstellungsform – an dieser Stelle die Diskussion über Kunst / Nicht-Kunst unbedeutend – in der Lage “vor der Natur” abzubilden. Die Unbestechlichkeit, die der Fotografie unterstellt wird, das Stigma, die Wirklichkeit zu zeigen ist Fluch und Segen zugleich, denn die Fotografie wird immer noch am dokumentierten Ereignis gemessen.

In welcher Darstellungsform, wenn nicht in der Fotografie, könnte man also nach einem perfekten Bild streben. Unter Nutzung welchen Werkzeugs wäre der Zeitpunkt der Vollendung klarer als in der Fotografie. Selbst bei aller Nachbearbeitung, der Rohdatensatz ist in dem Moment fertig, in dem die Belichtung abgeschlossen ist. Kein Strich mehr, keine Linie weniger. Fertig. Unerbittlich.

Umso größer ist die Versuchung, gerade Fotos perfektionieren, zur Vollkommenheit [perfectus lat. vollkommen] bringen zu wollen. Handwerkliche und gestalterische Vollendung inbegriffen. Schärfe, Belichtung, Dynamik und Strukturwiedergabe, Objektkanten herausgearbeitet, Linien horizontal und vertikal, Komposition im goldenen Schnitt, alles zu Ende gedacht und zu Ende gebracht.

Jedoch funktioniert ein menschliches Gehirn eben ganz anders. Es arbeitet am leistungsfähigsten, wenn es mit Brüchen, Fehlern, Unvollständigem oder gar Gedankenschleifen konfrontiert wird. Es denkt dann am schnellsten und erinnert am besten.

Hier ist eine solche Gedankenschleife. Abgesehen von der überraschenden Situation gelingt es der geöffneten Box, das ganze Motiv sich bewegen zu lassen – trotz dessen absolut akkuraten horizontalen und vertikalen Ausrichtung.

Wie aber könnte man das erreichen? Wie kann man Bilder “unfertig” sein lassen, wie kann man sie – sozusagen in sich – dynamisieren, sodass sie im Auge des Betrachters über sich selbst hinausweisen?

Nehmen wir beispielhaft eine ganz normale Szene der Imagedarstellung eines Unternehmens: ein Meeting, eine Schulung oder eine Präsentation. Die Bilder, die wir kennen, zeigen üblicherweise einen Raum mit einem am Kopfende des Raumes stehenden Vortragenden und die Projektion eines Beamers. Die Zuhörer haben sitzend ihre Manuals geordnet vor sich und ein paar Getränke stehen in der Tischmitte. Wir haben schon dutzende, wenn nicht hunderte solcher Bilder gesehen.

Was passiert nun, wenn wir diese Situation auflösen? Wir verändern die übliche Kameraperspektive, der über den Tisch gebeugte Vortragende blickt aus einer Unterhaltung mit einem der Trainees zu einem der anderen. Zwei weitere der Teilnehmer unterhalten sich über ihre Unterlagen miteinander, in denen sie gerade blättern. Jemand steht in der geöffneten Türe oder nimmt sich gerade einen Kaffee. Schon diese Bildbeschreibung macht klar: die Szene ist plötzlich auf eine Weise dynamisch, wie man sich einen PowerPoint-Vortrag nur wünschen kann.

Der Betrachter folgt den Blickrichtungen der Menschen auf dem Bild, versucht zu verstehen, was dort vorgeht, ob der Vortrag noch nicht begonnen hat, oder ob gerade Pause ist. Der Betrachter ist mittendrin, bevor er sich’s versieht. Es geht um die Dynamik der Situation. Der stylische Raum mit der modernen Präsentationstechnik tritt dabei nur beiläufig auf, als sei er ganz selbstverständlich und deshalb gar nicht weiter erwähnenswert. Sehr souverän.

Die Komposition dieses Motivs ist auf der Metaebene symmetrisch: Ein Menschenarm und ein Maschinenarm greifen am Werkstück an. Auf beiden Seiten des Prüflings gibt es die Idee zum Produkt, symbolisiert durch Kopf und Planzeichnung. Eine raffinierte Codierung.

Ein anderes Szenario könnte eine Produktdarstellung sein: etwa die eines Parfumflakons. Was man kennt, sind Still-Lifes vor einem technischen Hintergrund, Bilder mit andekoriertem Produkt. Gold, Blüten, Holz, Wasser oder Textil sollen Amosphäre und Produkteigenschaften visualisieren. Darüberhinaus gibt es eingeklinkte Produktabbildungen vor nahezu beliebig konstruierten Hintergrundmotiven.

Die gesamte Komposition deutet auf einen Bildort, den es nicht zu geben scheint: den Fuß des Baumes rechts. Das scheint zunächst irritierend, ist jedoch angesichts der feinen Farbdifferenzierung des Motivs nur umso schlüssiger. Motive lassen sich in praktisch jedem ihrer grundlegenden Aspekte, inhaltlich, formal, in ihrer Bedeutung, also in Szene, Komposition und Symbolik codieren, konzeptionell erweitern und dynamisieren.

Erweitern wir diese Szenarien und bringen das Produkt in eine reale Situation: an einen seerosenbedeckten Teich, in ein sonnenbeschienenes Fenster, auf eine Bar, die sich in Glas und Flüssigkeit spiegeln und brechen. Der Flakon, der Schatten wirft und durch den sich das einfallende Licht auf den Untergrund bricht. Lassen wir weiter Vordergrund zu und wir erhalten eine ganze Welt, von der wir als Betrachter davon ausgehen könnten, dass sie sich auch hinter der Kamera, also um uns selbst herum fortsetzt.

Die Kunst, unfertige Bilder zu machen ist, Motive angemessen zu “deperfektionieren” oder zu “codieren” und ihnen dadurch eine weitere Wahrnehmungsebene beizuordnen.